Aufsichtsgremien müssen mit der Unternehmensentwicklung Schritt halten
Erster bundesweiter Aufsichtsrätekongress für diakonische Unternehmen diskutiert neue Anforderungen an Governance, Krisenmanagement und diakonisches Profil
Die Anforderungen an Aufsichtsgremien diakonischer Unternehmen werden in den kommenden Jahren deutlich steigen. Das wurde beim ersten bundesweiten Kongress für Mitglieder von Aufsichtsorganen in diakonischen Unternehmen deutlich, der am 3. und 4. September in Bad Arolsen stattfand. Zunehmender wirtschaftlicher Druck, eine höhere Veränderungsgeschwindigkeit sowie neue Herausforderungen etwa durch Künstliche Intelligenz und Cybersicherheit verlangen auch von Aufsichtsgremien neue Arbeitsweisen und Kompetenzen.
Kritische Fragen stellen
Dr. Friedhelm Wachs, Vorsitzender des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer (aeu), warnte davor, an bisherigen Routinen festzuhalten: „Die klassischen Aufsichtsroutinen wurden für eine langsamere Welt gebaut.“ Aufsichtsgremien müssten nicht jedes Detail selbst beherrschen. Entscheidend sei vielmehr ihre Fähigkeit, Entwicklungen zu erkennen, die richtigen und kritischen Fragen zu stellen und auf dieser Grundlage urteilen zu können. „Expertise kann ich verteilen, Verantwortung nicht“, betonte Wachs.
Was passiert, wenn die KI ausfällt?
Aufsichtsgremien seien nicht nur Kontrollorgan, sondern kritisches Gegenüber und Sparringspartner der Unternehmensleitung – und in entscheidenden Situationen auch Korrektiv. Gerade mit Blick auf KI komme es nicht allein darauf an, mögliche Einsatzfelder zu kennen. Aufsicht müsse auch danach fragen, welche Abhängigkeiten entstehen, wer Verantwortung trägt, wie Risiken beherrscht werden und welche Notfallpläne bestehen.
Multirationalität managen
Die Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Prof. Dr. Beate Hofmann, verwies auf eine zusätzliche Besonderheit diakonischer Unternehmen: Sie müssten unterschiedliche Perspektiven wie Wirtschaftlichkeit, fachliche und juristische sowie theologische Logiken miteinander verbinden. Um diese „Multirationalität“ produktiv zu gestalten, brauche es Orte und Regeln, an denen die unterschiedlichen Logiken zusammengeführt werden können.
Informationsbeschaffung in der Krise
Eine besondere Verantwortung kommt Aufsichtsgremien in Unternehmenskrisen zu. Dietmar Motzer von der Unternehmensberatung Curacon bezeichnete die Krise als „Königsdisziplin eines Aufsichtsrats“. Krisen kündigten sich häufig frühzeitig an. Voraussetzung für wirksame Aufsicht seien deshalb eine belastbare Informationsbasis und betriebswirtschaftliche Transparenz bereits vor Eintritt einer Krise. In kritischen Situationen könne es zudem erforderlich sein, sich zusätzliche Informationen zu beschaffen und externe Expertise hinzuzuziehen.
Klare Regeln für Kommunikation
Rechtsanwältin Daniela Geue wies darauf hin, Zuständigkeiten und insbesondere die externe Kommunikation in Krisensituationen frühzeitig und eindeutig zu regeln. Prof. Martin Beck, der über Jahrzehnte in Aufsichtsgremien tätig war und Unternehmen in Krisensituationen begleitet bzw. als Interimsmanager geleitet hat, unterstrich die Bedeutung von Vertrauen und Diskretion. Unternehmenskrisen seien regelmäßig auch Vertrauenskrisen und hätten fast immer eine personelle Dimension.
Neben wirtschaftlichen und rechtlichen Fragen beschäftigte sich der Kongress mit der Rolle von Werten in der Unternehmensführung. Dr. Bernadette Tillmanns-Estorf, Direktorin Personal, Marketing & Kommunikation der Evangelischen Bank, warb dafür, Werte nicht lediglich zu formulieren, sondern sie durch konkrete Prozesse und Verhaltensmaßstäbe im Unternehmen zu verankern.
Veranstalter des Kongresses waren der Bundesverband diakonischer Einrichtungsträger V3D in Kooperation mit der Akademie für Kirche und Diakonie, dem Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer (aeu) und dem Bathildisheim e. V. Der nächste bundesweite Kongress für Mitglieder von Aufsichtsorganen in diakonischen Unternehmen und Organisationen soll am 2. und 3. September 2027 erneut in Bad Arolsen stattfinden.
Ansprechpartner
Tobias-B. Ottmar
Referent für Öffentlichkeitsarbeit und Verbandskommunikation
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