Nachhaltigkeit neu denken
Zwischen angepassten Berichtspflichten und Finanzierung
Die Regulierung der Nachhaltigkeitsberichterstattung befindet sich im Umbruch. Was bedeutet das für Sozialunternehmen – und wie können sie sich strategisch sinnvoll positionieren? Zu diesen Fragen referiert Prof. Dr. Thorn Kring auf der Strategietagung Nachhaltigkeit. Wir haben vorab mit ihm gesprochen.
Vor kurzem hat die EU die Anpassungen bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung final auf den Weg gebracht. Nun muss noch der deutsche Gesetzgeber folgen. Wie bewerten Sie diese Anpassungen?
Thorn Kring: Es ist gut, dass wir endlich Klarheit darüber haben, welche Unternehmen zur Berichterstattung verpflichtet sind. Jeder weiß nun, woran er ist. Allerdings stehen noch die Umsetzungsdetails aus. Die EFRAG hatte hier eine erhebliche Reduzierung der zu berücksichtigenden Datenpunkte vorgeschlagen.
Viele Unternehmen hatten sich bereits darauf eingestellt, für das zurückliegende Geschäftsjahr berichten zu müssen. Der bürokratische Aufwand zur Erfassung aller Datenpunkte war teils immens. War dies nun alles umsonst?
Thorn Kring: Der Klimawandel schreitet voran. Daher ist es für jedes Unternehmen sinnvoll, das Thema Nachhaltigkeit in seiner Strategie zu priorisieren und einen Überblick über die relevanten Themen zu erhalten. Für die Sozial- und Gesundheitswirtschaft bedeutet das insbesondere, sich mit Energie und Energiemanagement auseinanderzusetzen. Das ergibt bereits aus betriebswirtschaftlicher Sicht Sinn, da die Energiepreise absehbar steigen werden. Wer die letzten Jahre genutzt hat, sich mit der Nachhaltigkeitsberichterstattung zu beschäftigen, hat eine gute Grundlage geschaffen, das eigene Unternehmen effizienter aufzustellen.
Wer die letzten Jahre genutzt hat, sich mit der Nachhaltigkeitsberichterstattung zu beschäftigen, hat eine gute Grundlage geschaffen, das eigene Unternehmen effizienter aufzustellen.
Ein weiterer Aspekt ist die Finanzierung. Bleibt es bei der Annahme, dass Kredite für nicht nachhaltige Unternehmen teurer werden könnten, oder sind hier Veränderungen zu erwarten?
Thorn Kring: Die Banken haben bereits ESG-Risikoscores etabliert, die unter anderem die ökologische Effizienz von Immobilien bewerten. Nach den Mindestanforderungen an das Risikomanagement sind Banken verpflichtet, ihren Unternehmenskunden entsprechende Fragen zu stellen, um nachhaltigkeitsbezogene Risiken einordnen und bewerten zu können. Erfahrungsgemäß ist dies ein Vorläufer für Anpassungen in der Kreditgestaltung. Im bisherigen Prozess auf EU-Ebene gab es seitens der Europäischen Bankenaufsicht keine Anzeichen dafür, dass vom eingeschlagenen Kurs abgewichen werden soll. De facto weisen Immobilien, die beispielsweise nicht den aktuellen Energiestandards entsprechen, ein höheres Risiko auf. Es ist daher folgerichtig, dass hierfür perspektivisch Risikoaufschläge bei der Finanzierung erhoben werden.
Dennoch erleben wir, dass immer mehr Inhalte des europäischen Green Deal in Frage gestellt werden….
Thorn Kring: Ich würde behaupten, dass die Politik an der realen Entwicklung nicht vorbeikommen wird, selbst wenn man jetzt Ziele verschieben würde.
6. Strategietagung Nachhaltigkeit / 23.-24. April 2026 in Berlin
Unter dem Motto "Achtung Klima" findet vom 23.-24. Apri die 6. Strategietagung Nachhaltigkeit in Berlin statt. Im Zentrum der Tagung - die gemeinsam mit der Diakonie Deutschland und der KD-Bank durchgeführt wird - steht die Frage, wie Sozialunternehmen sich auf den Klimawandel, Katastrophenereignisse und die veränderte Nachhaltigkeitsregulatorik vorbereiten können und müssen. Weitere Informationen und Anmeldemöglichkeit gibt es hier.
Für kleinere Träger fällt der regulatorische Druck nun weg. Erschwert das möglicherweise auch die Refinanzierungsverhandlungen?
Thorn Kring: Das ist möglich. Dennoch ist im Grundgesetz das Ziel verankert, bis 2045 klimaneutral zu sein. Ich sehe keine Zwei-Drittel-Mehrheit, die daran etwas ändern könnte. Und erst vor kurzem hat ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts deutlich gemacht, dass die Bundesregierung ihr Klimaschutzprogramm anpassen muss.
Ohne den Gebäudesektor wird das Ziel Klimaneutralität nicht zu erreichen sein. Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Die klimatischen Bedingungen verändern sich. Pflegeheime und Krankenhäuser sollten daher auch ein eigenes Interesse daran haben, ihre Klienten beispielsweise vor Hitze zu schützen.
Was raten Sie denjenigen, die nicht zur Nachhaltigkeitsberichterstattung verpflichtet sind?
Thorn Kring: Ich empfehle, den Standard für kleine und mittlere Unternehmen (VSME) zu nutzen – nicht in erster Linie, um darauf basierend einen Bericht zu erstellen, sondern weil er Hinweise auf strategisch relevante Handlungsfelder gibt. Das betrifft nicht nur ökologische, sondern auch soziale Aspekte, etwa im Umgang mit Mitarbeitenden. Gleichzeitig schafft dies eine gute Grundlage, falls Kreditinstitute künftig spezifische Daten anfordern.
Vielen Dank für das Gespräch.
Zur Person
Prof. Dr. Thorn Kring ist seit 2014 Professor für Finanzwirtschaft, insbesondere Bankmanagement und lehrt aktuell an der zeb business school. Über das von ihm gegründete Münster Institut für Nachhaltigkeitsmanagement (MINAM) bearbeitet er verschiedene Projekte zur Erforschung und Ausgestaltung nachhaltiger Transformationsprozesse in Banken und in mittelständischen Unternehmen.
Das könnte Sie auch interessieren
Wir suchen: Referent*in für Recht (w/m/d)
Personalwechsel in diakonischen Unternehmen
Diakonische Dienstgeber: Ehrliche Debatte über Sparvorschläge gefordert
Neues aus diakonischen Unternehmen
Nachhaltigkeit muss strategisch gestaltet werden
Tarifbindung sichert gute Arbeit und Qualität
Digitales Personalmarketing: Wo stehen diakonische Unternehmen?
Klimaresiliente Quartiere: Grün früh mitdenken
Kirchenumnutzung: Gemeinsam den Auftrag wahrnehmen