Phishing: Gängige Maßnahmen helfen wenig
Um Mitarbeitende für Phishing-Gefahren zu sensibilisieren, setzen viele Unternehmen auf Phishing-Simulationen oder Hinweise wie „[EXTERN]“ im Betreff. Eine Studie in einer großen Universitätsklinik zeigt jedoch: Die Anfälligkeit für Phishing-Angriffe ist hoch und der Nutzen von Schutzmaßnahmen oft geringer als erwartet.
Aus Sicht von Prof. Luigi Lo Iacono von der Justus-Liebig-Universität (JLU) stehen IT-Sicherheitsverantwortliche bei der Sensibilisierung für Cyber-Gefahren vor einem Dilemma. Einerseits sollen sie die Belegschaft ihrer Organisationen für Cyberrisiken sensibilisieren. Andererseits sind ihre Ressourcen und Einflussmöglichkeiten in der Praxis oft begrenzt und die Wirksamkeit der Maßnahmen schlicht nicht bekannt. Deutlich wird dieses Spannungsfeld beim Thema E-Mail-Sicherheit. Viele der am Markt angebotenen Sensibilisierungs-Maßnahmen beschränken sich auf E-Learning-Module und Phishing-Simulationen; andere werden eigenständig umgesetzt. Bislang wurden sie allesamt nicht wissenschaftlich hinsichtlich ihrer Wirksamkeit in der Belegschaft untersucht.
Studie zeigt hohe Anfälligkeit für Phishing-Angriffe
In einer groß angelegten Phishing-Simulation mit 7.044 E-Mail-Konten einer deutschen Universitätsklinik untersuchte das Forscherteam um Dr. Jan Tolsdorf, Dr. David Langer und Prof. Luigi Lo Iacono, unter welchen Bedingungen Mitarbeitende besonders anfällig sind und welche Maßnahmen wirken. Das Ergebnis: Rund ein Viertel der Beschäftigten wäre bereit gewesen, Authentifizierungsdaten preiszugeben. Statistisch gesehen reichten bereits 69 E-Mails aus, um einen erfolgreichen Treffer in dieser Klinik zu erzielen.
Zeitpunkt und Zielgruppe beeinflussen das Risiko
Die Anfälligkeit variierte jedoch deutlich zwischen einzelnen Beschäftigtengruppen und situativen Faktoren. Morgens versendete E-Mails führten zu einer um 5,6 Prozentpunkte höheren Interaktionswahrscheinlichkeit. Beim medizinischen Personal lag der Effekt sogar bei 13,5 Prozentpunkten. Auch Nachrichten mit Bezügen zur Gehaltsabrechnung zeigten bei dieser Gruppe eine überdurchschnittliche Wirkung während E-Mails mit Verlustandrohung bei der Verwaltung vergleichsweise am stärksten ins Gewicht fiel. Pflegekräfte hingegen reagierten statistisch gesehen montags anfälliger auf Phishing-Mails als am Freitag.
Warum „eine Mail für alle“ nicht funktioniert
Aus diesen Ergebnissen leiten die Forschenden eine wichtige Konsequenz ab: Es braucht Differenzierung. „Man sollte nicht identische E-Mails an alle Mitarbeitenden versenden“, so Prof. Lo Iacono. Faktoren wie Inhalt, Ansprache, Personalgruppe oder Versandzeitpunkt sollten gezielt variiert werden, um zielgruppenspezifische Risiken ableiten zu können.
Warnbanner schlagen einfache Kennzeichnungen
Auch verbreitete Anti-Phishing-Maßnahmen zeigen laut Studie nur begrenzte Wirkung. So bot etwa die Kennzeichnung externer E-Mails mit dem Hinweis „[EXTERN]“ nur wenig Schutz vor Betrugsversuchen. Deutlich wirksamer waren hingegen klare Warnbanner mit konkreten Sicherheitshinweisen, die das Interaktionsrisiko um bis zu 94 Prozent senken konnten. Auch leistungsfähige Spamfilter erwiesen sich als effektive Schutzmaßnahme. Das Deaktivieren anklickbarer Links in E-Mails sowie zwischengeschaltete Warnseiten vor potenziellen Phishing-Seiten zeigten zumindest eine gewisse, wenn auch begrenzte Wirkung.
Die unterschätzte psychologische Dimension
Ein weiterer Aspekt betrifft die psychologischen Folgen solcher Tests. In der Studie konnten Beschäftigte, die auf die Phishing-Simulation hereingefallen waren, freiwillig an einer Umfrage teilnehmen – was etwa 29 Prozent auch taten. Die Ergebnisse zeigen deutliche emotionale Reaktionen: Rund 60 Prozent der Befragten berichteten, sich durch die Simulation mäßig bis stark verängstigt gefühlt zu haben. Rund 40 Prozent gaben an, in ähnlichem Maße Scham oder Schuldgefühle empfunden zu haben.
Dr. Jan Tolsdorf vom Max-Planck-Institut für Sicherheit und Privatsphäre betont deshalb: „Diese Erkenntnisse verdeutlichen die psychologischen Herausforderungen solcher Simulationen und zeigen, dass Organisationen die emotionalen Kosten gegen die potenziellen Sicherheitsgewinne sorgfältig abwägen sollten.“
Empfehlung für diakonische Unternehmen
Für diakonische Träger ergibt sich daraus ein besonderer Handlungsbedarf. Einrichtungen im Gesundheits- und Sozialwesen arbeiten mit sensiblen personenbezogenen Daten und sind gleichzeitig auf eine vertrauensbasierte Organisationskultur angewiesen. Phishing-Simulationen sollten nicht primär als „Fehlersuche“ gestaltet werden, sondern als Bestandteil einer umfassenden Sicherheitskultur etabliert werden, um zielgruppenspezifische Risiken und wirksame Gegenmaßnahmen zu identifizieren.
Empfehlenswert sind zielgruppenspezifische Sensibilisierungsmaßnahmen, transparente Kommunikation über Zweck und Ablauf von Simulationen sowie eine konstruktive Fehlerkultur. Technische Schutzmaßnahmen – etwa leistungsfähige Spamfilter, deutliche Warnhinweise in E-Mails und sichere Authentifizierungsverfahren – sollten dabei eine ebenso zentrale Rolle spielen wie kontinuierliche Schulungen sowie Wirksamkeitsmessungen. Nur die Kombination aus Technik, Organisation, Sensibilisierung und fortlaufender Evaluation kann langfristig zu einem wirksamen Schutz vor Phishing-Angriffen beitragen.
Auf Basis dieser Erkenntnisse wurde ein durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördertes Startup-Projekt ins Leben gerufen, das Organisationen dabei unterstützt, eine kontinuierliche Evaluation von Risiken und der wirksamen Maßnahmenimplementierung durchzuführen. Aktuell befindet sich die Initiative in einer F&E-Phase an der JLU Gießen unter Leitung von Prof. Luigi Lo Iacono.
Hinweis: Dieser Text erschien erstmals in der Zeitschrift "diakonie unternehmen" 1/26. Eine vollständige Übersicht aller Inhalte finden Sie hier.
Ansprechpartner
Tobias-B. Ottmar
Referent für Öffentlichkeitsarbeit und Verbandskommunikation
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