8 Hemmnisse bei der Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten

Am 20. Juni ist der Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen. Im vergangenen Jahr kamen rund 725.000 Flüchtlinge nach Deutschland, etwa 40 Prozent davon aus der Ukraine. Doch die Hürden, um Zugang zum Arbeitsmarkt zu erlangen, sind hoch. Während in Ländern wie Polen und Tschechien bereits zwei Drittel der Ukrainer Arbeit gefunden haben, sind es in Deutschland lediglich 26 Prozent. Auch diakonische Unternehmen zeigen vielfältiges Engagement, um Menschen mit Fluchthintergrund zu integrieren – und stoßen dabei auf allerlei Herausforderungen.

1. Lange Anerkennungsverfahren für Berufsqualifikationen

Regine Kracht kümmert sich als Integrationskoordinatorin am Agaplesion Diakonieklinikum Hamburg um Fachkräfte aus anderen Ländern, darunter auch Geflüchtete. Doch bis eine Person tatsächlich beispielsweise im Pflegebereich anfangen kann zu arbeiten, braucht sie einen langen Atem. Bis zu einem Jahr kann die Überprüfung, ob und welche Berufsabschlüsse anerkannt werden, dauern. Kracht unterstützt die Geflüchteten vom Erstkontakt bis hin zur Anerkennung.

2. Intransparenz bei Ausstellung von Bildungsgutscheinen

Antje Zajonz ist die zuständige Koordinatorin für die Arbeitsmarktintegration von Migranten an der Johanniter-Akademie Leipzig. Seit 2019 haben sich dort 73 Personen zur Pflegehilfskraft oder für den Rettungssanitätsdienst qualifizieren lassen. Doch damit ist nun Schluss – der letzte Kurs endete Ende Mai, nun liegt das Programm erstmal auf Eis. Einer der Gründe ist die fehlende Planungssicherheit: Wer den Kurs an der Akademie besuchen will, braucht einen Bildungsgutschein vom Jobcenter. Ob ein Antrag bewilligt wird, hänge stark von der zuständigen Sachbearbeitung ab, berichtet Zajonz. Mitunter folge die Erteilung des Gutscheins erst sehr kurzfristig.

3. Föderalismus bei Anerkennung von Schulabschlüssen

Ein weiteres Problem sind die Schwierigkeiten bei der Anerkennung von Schulabschlüssen – da können schon mal zwölf Monate ins Land gehen. Wer sich zwischenzeitlich entscheidet, in ein anderes Bundesland zu ziehen, muss das Verfahren nochmal durchlaufen: „Ein ausländischer Realschulabschluss, der in Sachsen-Anhalt anerkannt wurde, gilt trotzdem nicht automatisch in Sachsen“, berichtet Zajonz.

4. Rechtsunsicherheit bei Arbeitserlaubnissen

Auch bei der Diakonie Michaelshoven hat man mit bürokratischen Hürden zu kämpfen, sagt Petra Breitenbach, Leiterin für Förderprojekte. Gemeinsam mit anderen Trägern hat sie im Projekt „MyTurn“ seit 2019 mehr als 400 Frauen fit für den Arbeitsmarkt gemacht. Etwa jede vierte hat danach einen Ausbildungsplatz, Job oder Qualifizierung erhalten – das sei eine gute Quote. Problematisch seien jedoch die befristeten Arbeitserlaubnisse: „Wenn eine Erlaubnis ausläuft, kriegt man keine Stelle – selbst wenn davon auszugehen ist, dass diese verlängert wird. Hier wäre ein kurzer Vermerk auf der Arbeitserlaubnis hilfreich, die den Unternehmen mehr Rechtssicherheit geben könnte.“ Den Antrag auf Verlängerung einer Arbeitserlaubnis könne man erst wenige Wochen vor Fristende stellen – doch die Bearbeitungszeit sei meist länger, so dass die Betroffenen in der Luft hängen.

5. Wohnraummangel

Die Suche nach geeignetem Wohnraum ist unabhängig der Herkunft besonders in Ballungsgebieten schwierig, für Menschen mit Migrationshintergrund mitunter fast unmöglich. Das berichtet unter anderem Ulrike Haas, Leitung Jugendhilfe bei der BruderhausDiakonie: „Die Folge ist, dass unbegleitete minderjährige Ausländer länger in den Wohngruppen bleiben, was dann Plätze für eine Neuaufnahme von Jüngeren blockiert.“

6. Fremdenfeindlichkeit und politische Stimmungslage

Auch die allgemeine Stimmungslage und konkrete Erfahrungen von Ausgrenzung machen potenziellen ausländischen Fachkräften zu schaffen. Bei der Jobsuche sind vor allem Frauen aus muslimischen Herkunftsländern benachteiligt: „Wer ein Kopftuch trägt, findet schwerer einen Job – ob bei kirchlichen Trägern oder auch bei nicht-kirchlichen“, stellt Zajonz von den Johannitern ernüchternd fest.

Wenn sich beispielsweise ein Patient rassistisch äußere, sei es wichtig im Alltag klar Position zu beziehen, sagt Agaplesion-Mitarbeiterin Kracht. Und ihre Kollegin Rebecca Nauheimer, Verantwortliche für internationale Fachkräfte in der Unternehmenszentrale, stellt klar: „Als größter diakonischer Verbund im Gesundheitswesen haben wir einen hohen ethischen und christlichen Anspruch, um Menschen mit Fluchterfahrungen hier eine Chance zu geben.“

7. Zu wenig Sprachkurse

Eine Grundvoraussetzung für eine Beschäftigung ist ein ausreichendes Sprachniveau. „Hier wären mehr Alphabetisierungskurse und Plätze in Integrationskursen sinnvoll, um die grundständigen Deutschkenntnisse im Niveau von mindestens A2 zu erreichen, besser noch B1 oder B2“, sagt Haas. Zudem bräuchte es mehr Schulplätze, damit ältere unbegleitete minderjährige Ausländer nicht zu lange warten müssen. Doch auch Lernschwierigkeiten wie Legasthenie oder Hörschädigungen können beim Spracherwerb eine Hürde sein, weiß Breitenbach von der Diakonie Michaelshoven. Dies sei jedoch schwierig zu diagnostizieren, wenn man noch nicht die Sprache kann. „Diese Menschen fallen derzeit durch das Raster.“

8. Traumata

Fluchterfahrungen verursachen bei vielen Migranten Traumata. Um diesen zu begegnen, braucht es Sensibilität und spezifische Angebote. „Wir haben festgestellt, dass Menschen mit psychischer Belastung den Kurskonzepten nicht immer standhalten können“, berichtet Ingrid Gunzenhausen, Fachbereichsleitung Jugendhilfe der BruderhausDiakonie. Deshalb plane man die Einrichtung eines traumasensiblen Sprachcafés als Modellprojekt. „Zielsetzung des Sprachcafés ist, dass mit traumasensibler pädagogischer Begleitung sowie mit individueller Unterstützung und Sprachförderung Sprachniveaus erreicht werden können, die im besten Fall eine Arbeitsaufnahme ermöglichen.“ Auch bei Agaplesion weiß man um die Sensibilität: Bei Bedarf werden Seelsorge-Angebote oder eine Beratung mit dem Kriseninterventionsteam angeboten.
 

Doch bei allen Herausforderungen gibt es auch Lichtblicke:

So zum Beispiel Michael Kashour, der 2015 aus Syrien nach Deutschland geflohen war. Der gelernte Bankkaufmann und Schauspieler absolvierte zwischen 2017 und 2020 die vollschulische Ausbildung zum Erzieher an der Hephata-Akademie im hessischen Schwalmstadt. Heute leitet er eine Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Insgesamt beschäftigt der diakonische Träger 43 Personen mit Fluchthintergrund. Und der ebenfalls syrischstämmige Mido Kotaini, der zwischenzeitlich in Wohngruppen der Graf Recke Stiftung in Düsseldorf in Obhut genommen wurde, hat es sogar geschafft, seinen Traumberuf der Schauspielerei in Deutschland zu verwirklichen: An der Seite von Elyas M’Barek spielte er in „Chantal im Märchenland“ mit – der Film kam im Frühjahr in die Kinos. Die BruderhausDiakonie betont die gute Zusammenarbeit mit den Partnern vor Ort: „In vielen Kommunen treffen wir auf Kooperationspartner, die bereit sind, über die BruderhausDiakonie Angebote zur Integration zu leisten, das erleben wir beispielsweise als positive Rahmenbedingung“, sagt Haas.