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Auszubildende aus Drittstaaten: "Diakonische Werte sind überall anschlussfähig"

Foto: Rolf Schultes | Die Zieglerschen e.V.

Ohne Auszubildende aus Drittstaaten wie dem Kosovo könnten die Zieglerschen den Großteil ihrer Pflegeleistungen nicht in der heutigen Form anbieten. Ein Gespräch über Erfolgsfaktoren bei der Zusammenarbeit und Integration. 

Hinweis: Dieser Text erschien zunächst in leicht kürzerer Fassung am 16. November 2023 im VdDD-Mitgliedermagazin "diakonie unternehmen" 2/23.

Zu den Personen

Foto: Zieglersche

Sebastian Köbbert ist Geschäftsführer Altenhilfe der Zieglerschen. Judith Luik war bei den Zieglerschen bis Ende 2023 Teamleitung Personalmarketing und Nachwuchsgewinnung. Das diakonische Unternehmen mit rund 3.300 Mitarbeitenden bietet diakonische Dienste im Südosten von Baden-Württemberg sowie im Großraum Stuttgart. Die Einrichtungen arbeiten unter anderem in den Bereichen Altenhilfe, Behindertenhilfe und Suchtkrankenhilfe.

Die Zieglerschen haben 2017 damit begonnen, über das sogenannte Kosovo-Projekt der Diakonie Württemberg Azubis aus Drittstaaten zu gewinnen. Wie bewerten Sie den Schritt heute?

KÖBBERT: Er war und ist für uns alternativlos. Wir hatten 2017 – noch vor meiner Zeit im Unternehmen – wenig bis gar keine Bewerbungen auf unsere Ausbildungsplätze. Inzwischen kommen rund 54 Prozent der Azubis aus Drittstaaten. Ohne diese ergänzende Säule unserer Personalgewinnung könnten wir einen Großteil unserer Pflegeeinrichtungen und ambulanten Dienste nicht in der heutigen Form betreiben.

Die Abbruchquote ist bei den Azubis aus Drittstaaten mit rund fünf Prozent sehr gering. Was sind die Erfolgsfaktoren?

LUIK: Zunächst brauchen Sie im Unternehmen Weltoffenheit, eine Willkommenskultur. Wir bieten den neuen Azubis nicht nur Ausbildung, sondern im Grunde ein neues Zuhause. Das geht schon bei der Ankunft los, wenn wir sie vom Flughafen abholen. Das Zweite ist die Integration. Sie können junge Menschen aus dem Ausland hier nicht einfach abzusetzen. Sie müssen sie intensiv begleiten, in Integrationsmaßnahmen investieren, vor allem in den Spracherwerb. Die Azubis aus den internationalen Ausbildungsprogrammen lernen bereits in den Herkunftsländern Deutsch auf B2-Niveau, das wird dann vertieft. Ebenso wichtig ist der soziale Anschluss, das Mitnehmen in den lokalen Fußballverein.

KÖBBERT: Unser Integrationskonzept setzt hier wesentliche Impulse. Entscheidend sind am Ende aber die Einrichtungsleitungen vor Ort, auf ihre Haltung und ihren Einsatz kommt es an. Ein weiterer Faktor ist die Professionalisierung der Prozesse – Beispiel Visaanträge. Wir haben aktuell allein 1,4 Vollzeitstellen für die internationale Personalgewinnung. Strategisch immer wichtiger wird das Wohnraummanagement. Ohne Wohnraum, keine internationalen Mitarbeitenden.

"Dann wäre das eine Weltreise"

Wie zufrieden sind Sie mit Ihren Auszubildenden aus Drittstaaten?

KÖBBERT: Unsere internationalen Auszubildenden stellen seit Jahren nicht nur quantitativ eine wesentliche Säule unserer Personalgewinnung dar. Auch qualitativ sind wir absolut von diesem Weg überzeugt und haben bisher überwiegend gute Erfahrungen mit unseren Auszubildenden aus Drittstaaten. Zwischenzeitlich haben die ersten der ehemaligen Auszubildenden – zum Beispiel aus dem Kosovo – auch Leitungsfunktionen innerhalb der Zieglerschen übernommen, worüber wir uns sehr freuen.

Wie gelingt in einem diakonischen Unternehmen das Miteinander mit Menschen aus nichtchristlich geprägten Ländern?

KÖBBERT: Allgemein gesagt: In manchen unserer Einrichtungen arbeiten bis zu 20 verschiedene Nationalitäten zusammen. Das birgt Chancen, aber durchaus auch interkulturelles Konfliktpotenzial, so wie in der gesamten Gesellschaft auch. Als Träger müssen wir da sehr sensibel sein, im Konfliktfall moderieren. In manchen Fragen gilt es, ganz klar zu sein. Zum Beispiel sind Frauen als Führungskräfte zu respektieren, was nicht in allen Herkunftsländern selbstverständlich ist. Für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit entscheidend ist die gemeinsame Sprache. Wir erwarten, dass im Arbeitsalltag deutsch gesprochen wird.

LUIK: Meine Erfahrung ist: Unabhängig vom eigenen Glauben oder der Kultur sind die diakonischen Werte der Menschlichkeit und Nächstenliebe überall anschlussfähig. Wir fördern das Miteinander zum Beispiel mit Azubi-Einführungstagen, den „Ziegler-Campus-Days“, bei denen es auch um Werte geht. Würde man alle hier vertretenen Herkunftsländer besuchen, wäre das eine Weltreise. Das nehmen unsere Azubis sehr positiv wahr.

"Als Träger haben wir drei Jahre Zeit"

Wie gelingt es, dass ausländische Azubis im Unternehmen bleiben, insbesondere im ländlichen Raum?

KÖBBERT: Gut gelingt das insbesondere dann, wenn wir ihnen früh Perspektiven aufzeigen. Viele Azubis aus dem Kosovo wollen zum Beispiel gerne Karriere machen, etwa Pflegedienstleitung werden. Aber natürlich wandern manche ab, was uns wehtut. Die Übernahmequote war zuletzt leicht rückläufig. Manche zieht es in die Stadt. Andere wechseln aus ökonomischen Gründen zu Zeitarbeitsfirmen. Positiv gesagt: Als Träger haben wir drei Jahre Zeit, unsere Azubis eng auch an ländliche Standorte zu binden, im Gemeindeleben zu vernetzen. So sinkt das Risiko der Abwanderung.

Wie bewerten Sie die Frage, ob die Migration den Herkunftsländern schadet – Stichwort „Brain Drain“?

KÖBBERT: Das ist ein wichtiges Thema. Wir müssen uns immer fragen, wie auch die Herkunftsländer profitieren. Wir sind hierzu im Gespräch mit unseren Partnern vor Ort. Im Fall des Kosovo ist es so: Junge Menschen haben dort bisher noch nicht dieselben Chancen auf Qualifikation und Arbeit wie hier.

Wird die internationale Ausbildung künftig wichtiger?

KÖBBERT: Ohne eine strukturell verankerte und professionelle internationale Personalgewinnung wird es in den kommenden Jahren kaum möglich sein, den Bedarf nach Pflegeleistungen in Deutschland zu decken.

Interview: Alexander Wragge

Hinweis: Dieser Text erschien zunächst im VdDD-Mitgliedermagazin "diakonie unternehmen" 2/23, das VdDD-Mitgliedern kostenfrei zur Verfügung steht. 

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