"Einen richtigen Ruck gibt es nicht" | Interview mit Sprecher des Beteiligungsforums Sexualisierte Gewalt

Die ForuM-Studie zeigt, wie sexualisierte Gewalt in evangelischer Kirche und Diakonie jahrzehntelang stattfand, verdrängt und vertuscht wurde. Betroffenensprecher Detlef Zander fordert einheitliche Entschädigungen und rät zu einem nüchternen Blick bei der Prävention.

Zur Person 

Detlev Zander ist Sprecher des Beteiligungsforums Sexualisierte Gewalt der Evangelischen Kirche, das 2022 ins Leben gerufen wurde. Zander ist innerhalb des Forums u.a. Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Diakonie.

Seit Jahren setzen Sie sich in der evangelischen Kirche für die Rechte Betroffener sexualisierter Gewalt ein. Sie selbst wurden als Kind in der Brüdergemeinde Korntal bei Stuttgart vergewaltigt und später diffamiert. Warum haben Sie trotz dieser Erfahrungen entschieden, in der Kirche zu bleiben und sich zu engagieren?

ZANDER: Meine eigene Erfahrung beschreibe ich oft mit dem Satz: Unten wurde gefoltert und oben wurde gebetet. Damals sind wir Kinder in den Glauben quasi reingeprügelt worden. Es gab Teufelsaustreibungen. An diesen Gott und an diese Kirche von damals glaube ich nicht. Aber ich glaube an etwas, sonst wäre ich heute nicht mehr am Leben. Natürlich frage ich mich auch, warum ich noch in einer Kirche bin, in der den Opfern so oft nicht geglaubt wurde, in der die Nächstenliebe dann aufhört, wenn es ums Geld geht, wenn mit harten Bandagen um Entschädigungen gekämpft wird. Ich denke dann, und das ist vielleicht altmodisch, die evangelische Kirche braucht jemanden wie mich, der den Finger in die Wunde legt.

Sie haben sich von der Studie ein „Beben“ in Kirche und Diakonie erhofft. Ist das Beben eingetreten?

ZANDER: Nicht, wie ich es mir es gewünscht hätte. Die Reaktion seitens der EKD-Spitze und der Diakonie Deutschland ist deutlich. Da haben die Ergebnisse eine Menge ausgelöst. Aber auf Ebene der Gemeinden und Einrichtungen sind mir die Reaktionen zu verhalten. Ich habe das Gefühl: Viele wollen das bis heute nicht wahrhaben. Einen richtigen Ruck gibt es nicht. Ich hätte mir gewünscht, dass die Gemeinden und Einrichtungen offensiver über das Thema informieren.

Einige diakonische Träger haben angekündigt, Taten extern aufarbeiten zu lassen. Sollten das alle Träger tun?

ZANDER: Ich warne davor, dass jetzt wieder jede Landeskirche und jede Einrichtung auf eigene Faust etwas Eigenes macht. Die ForuM-Studie empfiehlt einheitliche Standards für die Aufklärung und Aufarbeitung. Daran arbeiten wir im Beteiligungsforum. Ich rate den Einrichtungen, das abzuwarten, bevor sie eigene Schritte gehen. Zur Aufarbeitung muss zum Beispiel standardmäßig gehören, Betroffene zu beteiligen.

„Wir brauchen eine zentrale Stelle“

Bislang behinderte der Föderalismus einen koordinierten Umgang mit dem Thema …

ZANDER: Ja, der Föderalismus in Kirche und Diakonie war einer der Hauptfaktoren, der sexualisierte Gewalt begünstigt und ihre Aufarbeitung erschwert hat. Seit Jahrzehnten hat jeder für sich rumgewurschtelt. In diesem System konnten Täter unentdeckt bleiben oder wurden einfach woanders hin versetzt. Dieser Flickenteppich ist nach der Forum-Studie nicht mehr haltbar. Das Thema gehört an eine zentrale Stelle, die, ich sage es mal salopp, von oben nach unten regiert. Jede Einrichtung muss wissen: So verhalte ich mich bei Taten, so leiste ich Aufarbeitung. Eine Vereinheitlichung brauchen wir auch bei den Anerkennungszahlungen.

Wen sehen Sie bei den Anerkennungszahlungen in der Pflicht – die Einrichtungen selbst, die diakonischen Werke oder die EKD?

ZANDER: Verantwortlich ist an erster Stelle die Institution, in der die Verbrechen begangen wurde. Es stimmt, dass kleine diakonische Einrichtungen mit Anerkennungszahlungen überfordert sein können. Manchen droht sogar die Insolvenz. Da sage sogar ich als Betroffener: das kann nicht gewollt sein. Vorstellbar wäre, für diese Fälle Unterstützung zu organisieren, zum Beispiel über einen gemeinsamen Fonds, in den alle einzahlen. Auch das sind Fragen, die wir im Beteiligungsforum diskutieren.

„So eine Einbeziehung ist einmalig“

Wie zufrieden sind Sie mit der Einbeziehung der Betroffenen im Beteiligungsforum?

ZANDER: Am Anfang gab es nur einen Betroffenen-Beirat. Wir haben nur beigeraten, sonst nichts. Das ist krachend gescheitert. Jetzt haben wir eine echte Beteiligung. Wir entscheiden aktiv mit und können im Beteiligungsforum nicht überstimmt werden. Die EKD-Synode hat sich verpflichtet, die Beschlüsse des Forums umzusetzen, zum Beispiel Änderungen im Disziplinarrecht. So eine Einbeziehung Betroffener ist einmalig in Deutschland. Deshalb ist es auch falsch, EKD und Diakonie pauschal vorzuwerfen, sie hätten nichts getan. Insbesondere Diakonie-Sozialvorständin Maria Loheide setzt sich seit 10 Jahren dafür ein, das Thema sexualisierte Gewalt in der Diakonie auf die Agenda zu bringen.

Die Studie spricht bei den dokumentierten Fallzahlen nur von der Spitze der „Spitze des Eisbergs“ – welche weiteren Schritte sind jetzt notwendig?

ZANDER: Die Arbeit der Unabhängigen Regionalen Aufarbeitungskommissionen wird für die weitere Aufklärung entscheidend sein. Die Kommissionen müssen dann auch bestimmen, welche Akten noch gesichtet werden. Sie müssen dafür sorgen, dass sich weitere Betroffene melden können. Von einer Diskussion um die absoluten Fallzahlen halte ich nicht viel. Jeder Fall ist einer zu viel. Hinter jeder Zahl steht eine zerstörte Biographie, ein zerstörter Mensch. Schon jetzt hat die ForuM-Studie mit vielen Mythen aufgeräumt. Anders als angenommen ging es in der evangelischen Kirche nicht vorrangig um Taten von Männern an Konfirmandinnen oder erwachsenen Frauen, sondern um Taten an Kindern. Auch in der Diakonie sind die Opfer vorwiegend Jungen, das Durchschnittsalter liegt bei elf Jahren.

Was raten Sie der Diakonie, um neue Taten zu verhindern?

ZANDER: Zunächst wünsche ich mir, dass sich alle in Kirche und Diakonie einmal vor den Spiegel stellen und fragen: Trage ich Mitverantwortung dafür, dass diese Taten möglich waren und nicht aufgedeckt wurden? Ohne eine schonungslose Reflexion geht es nicht weiter. Bei der Prävention gibt es natürlich viele wichtige Standards und Konzepte, die überall einzuführen und dann laufend zu überprüfen sind. Generell wichtig ist mir eine ganz nüchterne Erkenntnis: Die Diakonie ist in Feldern tätig, die Täter anziehen. In Kitas und in der Jugendhilfe entsteht eine große Nähe zwischen Erwachsenen und Kindern. Besonders gefährlich ist dann so eine Haltung nach dem Motto: ‘Wir sind eine christliche Einrichtung, hier kann nichts passieren’. Ich glaube, Täter suchen sich ganz bewusst Strukturen aus, die nach außen einen schönen Schein wahren wollen. Nachzudenken ist außerdem über besondere Einstellungstests, zum Beispiel beim Kitapersonal.

Interview: Alexander Wragge

VdDD-Magazin "diakonie unternehmen"

Dieser Text stammt aus dem VdDD-Mitgliedermagazin "diakonie unternehmen" 1/24, das VdDD-Mitgliedern kostenfrei zur Verfügung steht.