Mehr Flexibilität, weniger Regulierung
Erstmals steht mit Johanne Hannemann eine Frau an der Spitze des Verbandes diakonischer Dienstgeber in Deutschland (VdDD). Sie tritt die Nachfolge von Dr. Ingo Habenicht an, der zum Ende des Jahres in den Ruhestand tritt und folglich auch aus dem Vorstand des Verbandes ausscheidet. Zum Auftakt ihrer Amtszeit sprachen wir mit ihr über die Themen, die den Verband und seine Mitglieder aktuell besonders bewegen.
Frau Hannemann, der Herbst neigt sich dem Ende entgegen, doch von Reformen ist noch wenig zu sehen. Was wünschen Sie sich in der gegenwärtigen Debatte?
Johanne Hannemann: Zunächst einmal brauchen wir einen Stimmungsumschwung. Trotz aller Herausforderungen: Deutschland ist ein starkes Land und hat viele Ressourcen. Was mir gerade fehlt, ist der positive Gestaltungswille. Das gilt auch für die Sozialstaatsdebatte. Zunächst einmal ist der Sozialstaat Teil eines Erfolgsmodells, das dieses Land über Jahrzehnte getragen hat, gesellschaftlich, aber auch ökonomisch. Der Sozialstaat schützt den Einzelnen nicht nur vor Lebensrisiken, er ist auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und ein Ermöglicher. Zum Beispiel können viele Menschen nur deshalb am Erwerbsleben teilhaben, weil sie bei der Pflege ihrer Eltern oder der Betreuung ihrer Kinder professionell entlastet werden.
Zugleich ist klar: Der Sozialstaat muss erneuert werden, allein schon aufgrund des demografischen Wandels. Er muss innovativer, bedarfsgerechter und effizienter werden, um seine Stärken auch künftig auszuspielen. Ja, die anstehenden Reformen werden schwierig und ganz sicher auch schmerzhaft sein, aber: sie sind machbar. Dieses Land kann Wandel.
Was erwarten Sie von der Bundesregierung, um den Sozialstaat zu sichern?
Johanne Hannemann: Ich wünsche ihr den Mut, die nötigen Reformschritte anzugehen und diese Linie auch gegen Widerstände durchzusetzen. Es hilft nicht, wenn jede Idee problematisiert und zerredet wird. Dazu gehört, dass wir uns alle ehrlich machen müssen. Grundlegende Sozialreformen werden auch mit schmerzhaften Veränderungen einher gehen. Wichtig ist, dass nicht der Eindruck entsteht, dass ohnehin schon benachteiligte Gruppen die Hauptlast tragen und andere geschont werden. Jeder muss seinen Beitrag leisten, damit wir sozial bleiben und wieder wettbewerbsfähig werden.
Welchen Beitrag können die diakonischen Unternehmen leisten?
Johanne Hannemann: Viele diakonische Unternehmen sind sehr engagiert und schauen, wie sie Prozesse effizienter gestalten können. Das bedeutet beispielsweise auch Investitionen in Digitalisierung, für die jedoch oft die Mittel fehlen. Ein weiteres Hauptproblem ist die ausufernde Regulierung. Ein Beispiel: In der Eingliederungshilfe haben wir verbunden mit dem Bundesteilhabegesetz vor allem im öffentlichen Dienst in den vergangenen Jahren einen Personalaufwuchs erlebt, um alle Teilhabeleistungen in Leistungsgruppen zuzuordnen, Dienstleistungen abzustimmen und zu dokumentieren. Durch diese gesetzlichen Anforderungen ist auch der Aufwand für die diakonischen Unternehmen enorm gestiegen. Dadurch steigen die Kosten, ohne dass sich die Leistung für den einzelnen Klienten spürbar verbessert.
Zur Person
Pfarrerin Johanne Hannemann (58) gehört seit 2018 zur Geschäftsführung der Diakonie Nord Nord Ost. Zuvor war die Theologin im Landeskirchenamt der Nordkirche und als Gemeindepastorin tätig. Seit 2024 ist sie Teil des VdDD-Vorstandes.
Was müsste sich ändern?
Johanne Hannemann: Generell braucht es mehr Vertrauen in die sozialen Unternehmen, dass sie ihren Dienst zum Wohle der Klientinnen und Klienten machen. Unsere Gesetzgebung ist aber von einem grundsätzlichen Misstrauen geprägt, mit dem Ergebnis, dass versucht wird, jedes kleinste Detail und jeden Einzelfall zu regeln. Da wünsche ich mir mehr Freiheit für unternehmerisches Handeln, ohne dass dies zu Qualitätseinbußen führen muss.
Auch das Thema Arbeitszeit ist in Deutschland noch streng reguliert…
Johanne Hannemann: Das mag historisch bedingt seine Gründe haben, entspricht aber heute weder den Wünschen vieler Mitarbeitenden noch den Vorstellungen der Arbeitgeber. Die Möglichkeit, eine wöchentliche anstatt eine tägliche Arbeitszeit mit dem Mitarbeitenden zu vereinbaren, käme beispielsweise auch Müttern und Vätern zugute. Sie könnten dann ihre Arbeitszeit auf weniger Tage konzentrieren, um an den anderen Tagen Zeit für ihre Kinder oder auch pflegebedürftigen Angehörige zu haben. Wir versuchen als Arbeitgeber hier schon Flexibilität zu ermöglichen, doch die ist durch das Arbeitszeitgesetz begrenzt.
Im kommenden Jahr gibt es in vier Bundesländern Landtagswahlen, in zwei davon kann die AfD hoffen, stärkste Kraft zu werden. Inwiefern tragen die Diskussionen um den Sozialstaat dazu bei?
Johanne Hannemann: Ich denke das Grundproblem ist, dass die Menschen das Gefühl haben, der Staat sei dysfunktional: Die Bahn kommt ständig zu spät, die Brücken sind kaputt und viele Schulen sanierungsbedürftig. Wenn jetzt noch hinzukommt, dass ein Großteil des Sondervermögens offenbar gar nicht für zusätzliche Investitionen genutzt wird, fühlen sich viele hinters Licht geführt. Die AfD nutzt diese Situation aus, obwohl sie selbst überhaupt keine Lösungen anzubieten hat. Von daher tun wir als Arbeitgeber- und Unternehmensverband gut daran, für Reformen einzutreten und gleichzeitig die demokratischen Kräfte zu stärken.
Vielen Dank für das Gespräch.
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