Wie wappnen Sozialunternehmen ihre Quartiere und Areale für den Klimawandel? Die Antwort liegt nicht nur in technischen Lösungen, sondern insbesondere in der Natur - und einer vorausschauenden Planung. Im Vorfeld unserer 6. Strategietagung sprachen wir mit Ferdinand Ludwig, Professor für Grüne Technologien in der Landschaftsarchitektur (Technische Universität München).

Das Thema Klimaresilienz rückt zunehmend in den Fokus. Beispielsweise plant Berlin, in den kommenden Jahren rund 3,2 Milliarden zu investieren und bis 2040 hunderttausende Bäume zu pflanzen. Ist das der richtige Weg zur klimaresilienten Stadt? 

 
Ferdinand Ludwig: Grundsätzlich sollten wir möglichst früh in Stadtgrün investieren, denn Bäume brauchen Zeit zum Wachsen und sind in den ersten Jahren besonders empfindlich gegenüber Hitze und Trockenheit. Entscheidend ist jedoch, die richtigen Bäume an die richtigen Standorte zu pflanzen – das sogenannte „Gießkannenprinzip“ greift zu kurz. In dicht bebauten Innenstädten kann eine einzelne Baumpflanzung inklusive Planung und Pflegekosten im Extremfall bis zu 100.000 Euro kosten, etwa durch notwendige Eingriffe in den Boden oder Leitungen. Die Wirkung eines solchen Stadtbaums kann aber weitaus größer sein, als wenn ich viele kleine Bäume deutlich günstiger in einen großen Park pflanze. 

 

Wo liegen derzeit die größten Herausforderungen bei der Planung klimaresilienter Quartiere? 

 
Ferdinand Ludwig: Begrünung wird oft zu spät im Planungsprozess berücksichtigt. Dadurch wird sie unnötig kompliziert und teuer. Sinnvoll ist eine integrierte Planung von Beginn an – inklusive Wassermanagement. Regen- und Grauwasser (leicht verschmutztes Abwasser) sollten als Ressource genutzt werden, statt sie einfach in die Kanalisation abzuleiten. 

 

Sie gelten als Vorreiter der Baubotanik. Welche Rolle spielt dieser Ansatz für die Klimaresilienz? 

 
Ferdinand Ludwig: Unsere Forschung zeigt, wie sich Architektur mit Pflanzen weiterentwickeln lässt. Ein Beispiel sind gebäudenah gepflanzte Bäume, die robust sind und das Raumklima auch im Innenbereich positiv beeinflussen. 

6. Strategietagung Nachhaltigkeit / 23.-24. April 2026 in Berlin

Unter dem Motto "Achtung Klima" findet vom 23.-24. Apri die 6. Strategietagung Nachhaltigkeit in Berlin statt. Im Zentrum der Tagung - die gemeinsam mit der Diakonie Deutschland und der KD-Bank durchgeführt wird - steht die Frage, wie Sozialunternehmen sich auf den Klimawandel, Katastrophenereignisse und die veränderte Nachhaltigkeitsregulatorik vorbereiten können und müssen. Weitere Informationen und Anmeldemöglichkeit gibt es hier.

Welche Maßnahmen sind besonders wirksam? 

 
Ferdinand Ludwig: Verschattung ist zentral. Technische Lösungen sind auch möglich, doch Pflanzen bieten Vorteile: Sie heizen sich weniger auf und sorgen zusätzlich für Verdunstungskühlung. 

 

Ist klimaresilientes Bauen angesichts ohnehin steigender Baukosten überhaupt realistisch? 
 

Ferdinand Ludwig: Ja, wenn Grün- und Wasserplanung frühzeitig integriert werden ist dies auch beispielsweise im seriellen Bauen umsetzbar. Ein studentischer Entwurf an unserer Universität zeigt, dass sich selbst in komplexen Bestandsgebieten bis zu 80 Prozent der Bäume erhalten und ergänzen lassen, wenn standardisierte Bauweisen klug eingesetzt werden. 

 

Was ist darüber hinaus wichtig? 

 
Ferdinand Ludwig: Intelligente Verkehrskonzepte und möglichst wenig versiegelte Flächen. Bäume benötigen durchgehende Wurzelräume. Ich muss der grünen Infrastruktur auch unterirdisch eine Priorität geben. Ich kann beispielsweise so planen, dass Leitungen etwa auf der schattigeren Straßenseite verlaufen, während Bäume ungestört auf der anderen Seite wachsen können. 

Welche regulatorischen Anpassungen wären sinnvoll? 

 
Ferdinand Ludwig: Bebauungspläne können Begrünung, etwa von Dächern oder Fassaden, festschreiben. Gründächer sind relativ wartungsarm und speichern Wasser gut. Fassadenbegrünungen sind nur dann erfolgreich, wenn sie auch gut gepflegt sind. Wenn jemand eigentlich keine Begrünung der Fassade will, schraubt er ein Spalier an und lässt die gepflanzte Kletterpflanze dann verkümmern. Größere Spielräume ergeben sich, wenn Kommunen eigene Grundstücke vergeben und ökologische Konzepte etwa durch zusätzliches Baurecht fördern. Wenn regulatorische Maßnahmen durchgedrückt werden und am Ende die Wirkung ausbleibt, haben wir jedoch Vertrauen für künftige Maßnahmen verspielt. 

 

Wie sieht ein klimaresilientes Wohnquartier der Zukunft aus, etwa im Jahr 2040? 


Ferdinand Ludwig: Ich erwarte stark begrünte öffentliche Räume mit vielen schattenspendenden Bäumen sowie integrierte Verkehrskonzepte mit Mobility Hubs und Carsharing, die den Individualverkehr deutlich reduzieren. Orientierung bietet die 3-30-300-Regel: Jeder Mensch sollte aus dem Fenster mindestens drei Bäume sehen können, mindestens30 Prozent der Fläche sollten von Baumkronen bedeckt sein und der nächste Park sollte maximal 300 Meter entfernt liegen. In neuen Quartieren sollte der Anteil der Schattenflächen sogar noch höher sein. 

 

Welche Rolle spielt soziale Gerechtigkeit dabei? 


Ferdinand Ludwig: Ökologische Aufwertung steigert die Lebensqualität – und oft auch die die Miet- und Immobilienpreise. Diese Marktmechanismen lassen sich kaum vermeiden. Träger, die eigene Quartiere bewirtschaften, können jedoch ökologische und soziale Aspekte besser miteinander verbinden. 

 

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person

Prof. Dr.-Ing. Ferdinand Ludwig / Foto: Biocom.AG

Der Architekt Prof. Dr. Ferdinand Ludwig ist Professor für Grüne Technologien in der Landschaftsarchitektur an der Technischen Universität München (TUM) und Partner beim OLA Office for Living Architecture.